Frühförderung als eine Art zu Leben -

das Einbauen in die alltägliche Praxis von Eltern)

Marian de Graaf-Posthumus)

 

 

 

Marian de Graaf-Posthumus ist nicht nur Mutter eines neunjahrigen Jungen mit Down-Syndrom, sondern auch Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der holländische Stichting (Stiftung) Down's Syndroom (SDS). Seit 1986 arbeitet sie mit dem Macquarie Programm. Anfangs verwendete sie nebenher auch das Portage-Programm. Durch ihre Telefonarbeit bei der SDS wird sie täglich mit Fragen zur Arbeitsweise der Frühförderung nach einem Programm, 'Early Intervention', konfrontiert.

 

Zusammenfassung

Der Vortrag behandelt außer den ersten Konfrontationen der Sprecherin mit Early Intervention, die Integration einer effektiveren Förderung im alltäglichen Umgang mit Kindern, mit einer Entwicklungsverzögerung, wie zum Beispiel Down-Syndrom. Sie wird ihre Standpunkte und Erfahrungen durch, teils auf das eigene Kind bezogene, Beispiele veranschaulichen. Hierbei wird sie vor allem auf eine effiziente Zeiteinteilung für vielbeschäftigte Mütter eingehen, wie durch das Kombinieren verschiedener Arbeitsbereiche in generalisierten Situationen. Weiterhin führt sie Beispiele von umfassenden Aufgabenanalysen in verschiedenen Entwicklungsbereichen an, bis zum kreativen Einsatzes der Early Intervention-Methode zur Sublimierung, Ablenkung von unerwünschten Verhaltensweisen des Kindes, oder um diesen einen Inhalt zu verleihen.

 

 

 

 

Einleitung

Zuerst möchte ich ihnen sagen, daß ich nicht die Absicht habe, ihnen hiermit ein Rezept, eine Art eigenes Early Interventionprogramm anzubieten. Ich werde sogar bei meinen Beispielen, die ich zur Unterstreichung meines Vortrages brauchen werde, nicht ganz beim Baby anfangen, um beim Kind kurz vor Grundschulalter zu enden. Es geht mir vielmehr darum, ihnen die Arbeitsweise nahezubringen, die mir nach soviel Jahren so vertraut geworden ist: Early Intervention nicht als schwere Extrabelastung, sondern als eine Lebensweise, bei der die Eltern weitgehend die Aufgaben in den normalen Tagesablauf eingefügen können.

Zu festen Zeiten oder über den Tag verteilt?

Als ich Ende 1986 mit Early Intervention anfing, hatte ich ein fast drei Jahre altes Kind, welches bis dahin weder gehen gelernt hatte, noch sauber war: David. Mittags schlief er noch lange, danach wurde er zu einer festen Zeit auf sein Töpfchen gesetzt. Während dieser 'Sitzungen' war ich immer auf der Suche nach einer Beschäftigung für ihn, damit er auch einige Zeit auf seinem Töpfchen sitzenblieb. Wir setzten ihn daher mitsamt Topf vor einen niedrigen Spiegel. Weiterhin bastelten wir ein kleines Tischen, das wir mit Wandtafelfarbe schwarz anmalten, sodaß er während diesen 'Sitzungen' ein wenig arbeiten konnte. Ich hatte ohnehin schon einen durchsichtigen Topf angeschafft, damit mir auch jedes Bißchen auffallen würde. Später würde ich lernen, daß dies bereits ein Stück Aufgabenanalyse im Sinne des Sauberkeitstrainings war. Das Sitzen auf dem Töpfchen wurde somit ein wichtiger Festpunkt in Davids Erziehung. So arbeitete ich Anfangs mit festen Zeiten und festen Plätzen. Dies ist möglich, wenn das Kind noch sehr jung ist, ein Baby oder Kleinkind. Dann hat man noch feste Interaktionsmomente beim Stillen, Baden und Wickeln. Die kann man dann zum Beispiel vergleichen mit den festen Zeiten, zu denen die Frühförderin, die Krankengymnastin oder die Logopädin bei ihnen vorbei kommt. Solche festen Interaktionen sind dann automatisch äußerst strukturiert mit bestimmtem Spielzeug als Mittelpunkt, in einer festen Gliederung. Dadurch sind sie meist nicht sehr fantasiereich aufgebaut. Ob das Kind in diesem Moment selbst diese Spiele mit der Mama oder der Therapeutin gewählt hätte, steht hierbei nicht zur Diskussion. Es ist die Zeit, in der es muß. Dies ist vergleichbar mit dem centre-based Intervention-Model, (Frühförderung innerhalb eines Zentrums) nach einer festen Abmachung an einen vorstrukturierten Platz, ganz ausgehend von einem Elternteil und/oder speziellen Fachkraft. Die Möglichkeit ist groß, daß das Kind hierbei sehr wenig Gelegenheit hat, eigene Initiative zu setzen. Man könnte dies eher als eine Form von Training sehen (wogegen ich im Grunde nichts einzuwenden habe, ich werde später noch darauf zurückkommen) dann als eine Hilfestellung für das Kind, die eigene Welt zu erforschen.

Frühförderinnen oder Therapeuten, welche zu festen Zeiten vorbeikommen und strukturiert arbeiten, haben meiner Meinung nach die Aufgabe, die Eltern darauf hinzuweisen, daß, neben den zwangsläufig zu festen Zeiten durchgeführten Übungen, diese unbedingt in den täglichen Umgang mit dem Kind eingefügt werden müssen. Sie sollten den Eltern anweisen wie sie in den folgenden Tagen, bzw. Wochen, die zu behandelnde Aufgabe noch viele Male die Revue passieren lassen können. Dazu einige Beispiele.

Es ist sehr gut möglich, daß das strukturierte Lernen von Farben mit einem Spiel wie zum Beispiel 'Bunte Ballons' (von Ravensburger) während einer Sitzung auf dem Töpfchen ein guter Anfang ist. Danach jedoch muß sehr viel Zeit dafür aufgebracht werden, in den Interaktionen mit dem spielenden Kind zu üben, wobei die Farben mit anderen Gegenständen als die Bunten Ballons in Zusammenhang gebracht werden. Das T-Shirt, welches man trägt, Farben, mit denen man malt, aber auch Spielzeugautos, Duplo-Bausteine, Perlen oder echte Ballons, die man aufblasen kann. Mit Ballons kann man das Kind übrigens auch sehr gut mit den ersten Fertigkeiten des Ballspiels vertraut machen, zum Beispiel als Belohnung, wenn es eine Farbe richtig zugeordnet, gezeigt oder sogar gesagt hat. Nach den Farben in Haus und Garten wird der Bereich erweitert. Bei Spaziergängen hatten wir anfangs ein Stück graue Pappe mit, daß an einer Seite mit leuchtend roten Papier beklebt war - für unser eigenes 'Ampelspiel'. Zeigten wir die rote Seite, mußte David 'vor der Ampel anhalten', egal ob er zu Fuß, mit dem Laufstuhl, mit dem Dreirad oder mit dem Rad unterwegs war. Dies machte ihm soviel Spaß, daß er gerne mitspielte. Später überklebten wir dann die neutrale, graue Rückseite mit grün. So konnten wir zwei Farben üben. Ein nächster Schritt sind wirkliche Ampeln, zum Beispiel am Schutzweg für Fußgänger. Auch im Supermarkt oder am Parkplatz kann man Farben üben. Man bittet das Kind zuerst ein Auto in der Farbe eines ihm gezeigten Beispiels zu suchen. Später sagt man dann einfach: 'Zeig mir ein rotes Auto!', und danach, wenn bereits Anfänge des Zählens vorhanden sind: 'Wo siehst du zwei blaue Autos?' Ich denke, daß man dann erst mit dem beginnt, was ich 'home-based Intervention' (Frühförderung daheim) nennen möchte. Dies bedeutet für mich eine Arbeitsweise, wobei das Kind kaum oder gar nicht bemerkt, daß es manipuliert wird, sondern einfach eine abwechslungsreiche Kindheit voller Herausforderungen erlebt, wie jedes andere auch.

Mehr aufgabenbezogene Lernzeit

Wenn man Jahre hindurch mit einem Frühförderprogramm arbeitet, wird man die oben beschriebenen Modelle vielmehr nebeneinander einsetzen. Es gibt so vielumfassende Lernziele, daß sie über Jahre hinaus sowohl strukturiert als auch generalisiert angestrebt werden müssen. Auch hierbei ist es jedoch von größter Wichtigkeit, mit den Frühförderinnen oder Therapeuten, wenn vorhanden, zu überlegen, welcher Platz im Haus am Besten für die strukturierten Lernvorgänge geeignet ist.

Sprechen und Lesen zum Beispiel sind solche zeitlich ausgedehnten Prozesse. Meines Erachtens bieten die Mahlzeiten sich hierbei als gute Gelegenheit zum üben an. Die ganze Familie ist um den Tisch versammelt. Das sind Momente, in denen jeder etwas zu erzählen hat, seinen Teil zur Diskussion beiträgt. In diesen Kommunikationsmomenten kann ein strukturiertes Lese- bzw. Sprachprogramm eingefügt werden. Nebenher ist dies genauso an einen Sonntagmorgen auf dem Bett der Elten möglich, oder unter der Woche beim zu Bett gehen. Man liest dem Kind vor, verlangt zugleich aber, daß es noch kurz seinem Bär sein neues Wort beibringt. Dies bedeutet zugleich einen Aufschub der Verpflichtung, die darin besteht schlafen zu gehen, was sehr motivierend sein kann. Weiterhin kann man dem Kind, während es spielt, Wortkärtchen zeigen und es zum Beispiel bitten den betreffenden Gegenstand für die Mama zu holen. Dies sind nur kurze Momente, die sich jedoch, oft genug wiederholt, zu einer ansehlichen aufgabenbezogene Übungszeit summieren; ohne daß es dabei um längere, langweilige Lernvorgänge geht. In den Kindergarten hält man zum Beispiel vor dem Aufbruch das Kärtchen mit dem Wort 'Tasche' hoch und läßt das Kind diese holen. Man kann die Worte auch mit Kreide auf den Gehsteig schreiben oder, während einer Wanderung, mit einem Ast in den Boden ritzen. Es funktioniert sogar auf einem angehauchten Spiegel oder einer beschlagenen Fensterscheibe. Auf diese Weise wird mit dem Kind, mit sehr viel aufgabenbezogene Übungszeit, durch Jahre hindurch ein Lernziel angesteuert, wobei eine Abwehr des Kindes gegen eintönige Lernprozesse vermieden wird. Hierin besteht meiner Meinung nach die Kunst dieser Methode.

Das Einfügen von Aufgaben in den Tagesablauf

Beim Kleinkind muß man sich ununterbrochen fragen, wie diese oder jene Übung in den Tagesablauf einzufügen wäre. Schließlich muß eine Mutter Wäsche aufhängen, die Pflanzen gießen, abwaschen und die Betten machen. Und darüber hinaus will sie zur Frühförderung ihres Kindes ihren Beitrag leisten. Darum werde ich hierzu ein paar Beispiele dieses Einfügens anführen.

Wäsche aufhängen: 'Würdest Du Mama das rote T-Shirt aus dem Wäschekorb geben; den gelben Latz, die grünen Socken oder das blaue Höschen?' Man könnte auch bunte Wäscheklammern kaufen, um damit die Farben einzuüben. Anfangs bittet man immer nur um eine Klammer, später dann um zwei oder sogar drei zugleich.

Pflanzen gießen: Man kann bereits ein sehr junges Kind die Blätter anfassen lassen: 'Fühl mal, das ist ein haariges Blatt und - Aua! - es brennt. Diese Blume ist genauso blau wie Dein T-Shirt. Diese braucht viel Wasser, diese nur wenig'.

Abwaschen: Man stellt einen Stuhl oder Hocker vor die Anrichte, schneidet drei Löcher in eine Plastikstüte und zieht ihn dem Kind über, sodaß Kopf und Arme herausschauen. Nun läßt man es mit dem nicht zu heißen Wasser planschen, wobei es zuerst alles aus Glas (Material!), dann alle Tassen, Untertassen, Messer, Gabel und Löffel (Gegenstände) sortieren kann.

Bette machen: Ein Ehebett is natürlich ein hervorragender Platz, um Grobmotorik zu üben. Beispiele sind zur Seite rollen, springen und sogar Purzelbäume schlagen. Man kann jedoch auch Gegenstände zwischen dem Bettzeug verstecken und sie das Kind beim Finden benennen lassen: 'Oh, das ist ein ...!' Vergessen sie nicht die unbegrenzten Möglichkeiten einer Kissenschlacht (und sei es nur als Belohnung für vorher gelöste Aufgaben) um den Gleichgewichtssinn des Kindes zu verbessern und das Reaktionsvermögen zu erhöhen. Aus der Tagesdecke kann man sogar ein Zelt machen.

Jedem wird klar sein, daß man auf diese Art länger für den Haushalt braucht. Das Kind ist dabei aber miteinbezogen worden. Die Zeit, die man hier investiert, gewinnt man später durch größere Selbstständigkeit.

Gekoppelte Aufgaben aus verschiedenen Bereiche

Ein sehr wesentlicher Punkt ist es, die Übungen nicht zu isoliert durchzuführen, jedoch so gut wie möglich kombiniert mit anderen Entwicklungsstufen. So kann man das Wort 'Ball' auf den Gehsteig schreiben und dann das Kind bitten, diesen zu holen. Danach rollt man den Ball über den Boden hin und her, wobei dies eine Belohnung, zugleich aber auch einen weiteren Schritt in der motorischen Entwicklung darstellen kann. Man kann das Kind sogar über das Wort werfen lassen. Dies ist schon etwas schwieriger und bringt das Kind wieder einen Schritt weiter voran.

Ich werde einige Beispiele zur Verschmelzung verschiedener Aufgaben und Entwicklungsgebiete geben. Außerdem möchte ich die Aufteilung der Aufmerksamkeit über kurze Interaktionen während des Alltags aufzeigen.

FM 86 'Macht das Ziehen einer horizontalen Linie nach'. Ich erwähnte schon daß dies auch auf einem beschlagenen Spiegel möglich ist, aber auch mit Kreide am Gehsteig, während man selbst daneben im Garten beschäftigt ist.

GM 132 'Springt seitwärts und rückwärts'. Über den Kreidestrich natürlich!

GM 137 'Kann vier Schritte gehen, wenn es einen Fuß hinter den anderen stellt (Zehen-/Hackengang)'. Zuerst auf dem gezogenen Strich, dann am Gehsteigrand, oder während einem Spaziergang mit der ganzen Familie im Wald, wenn man die Linie einfach in den Sand malen kann. Beim auf der Linie balancieren wird sie verwischt, und dazu kann man noch die Schuhabdrücke analysieren. Welcher ist roh und welcher ist glatt? Sind es Vierecke oder Kreise? Oder man übt auf einem umgefallenen Baumstamm am Wegrand. So macht eine lange Wanderung mehr Spaß.

GM 142 'Hüpft zwei bis drei Mal auf dem bevorzugten Fuß' und GM 143 'Kann zehn Mal hintereinander vorwärts springen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren'. Okay! Dafür sollte man aber vorher ein Feld für ein Hüpfspiel in dem Sand oder auf das Pflaster malen. Mit ein wenig Fantasie kann man dabei FM 119 'Malt beim zeichnen einen + nach' einbeziehen.

GM 150 'Wirft einen kleinen Ball und verfehlt dabei das Ziel um weniger als fünfzehn Zentimeter'. Mit einem Steinchen geht es natürlich auch. Jeder Abschnitt in dem Feld für das Hüpfspiel kann durch eine Farbe, später Zahl, Buchstabe oder Wort markiert sein. Man gibt die Anweisung, auf das jeweilige Ziel zu werfen und anschließend zum Beispiel auf einem Bein hinzuhüpfen.

Was tun bei 'Schwachstellen' in der Entwicklung?

GM 136 'Kann auf einem Bein stehen, mit geschlossenen Augen, ohne den Körper zu bewegen'. In unserer

Familie war dies ein größeres Problem, wie uns inzwischen bekannt ist, auch bei den meisten Kindern mit Down-Syndrom. Man hat das Gefühl, dies üben zu müssen bis man schwarz wird, und das sollte man auch, überlegen Sie aber bitte in der Zwischenzeit auch, welche der nächsten Aufgaben aus dem Programm jetzt schon erreichbar wären. Versuche Sie Ihren Kind über nächsthöhere Aufgaben zum Ziel zu führen. Man sollte sich überlegen, ob solche scheinbar unerreichbare Stufen an und für sich wesentlich sind für eine erfolgreiche gesellschaftliche Integration oder, ob sie nur 'wieder eine Station mehr' in der Abfolge des Programms darstellen. Wenn ich auf diese Übung bestanden hätte, und bei ihr stehengeblieben wäre, bis er es schaffte, hätte mein Sohn dies schließlich selbst auch als Schwachpunkt erfahren und könnte jetzt nicht so gut und so weit radfahren.

Was tun wenn unsere Aufgabenanalyse versagt?

Gerade bei der langen und schwierigen Strecke zum selbständigen Radfahren funktionierte unsere ursprüngliche Aufgabenanalyse nicht. Wir taten das Naheliegendste, meinten wir, und kauften das kleinste Dreirad, das überdies eine geschätzte Lebensdauer von mehreren Jahren hatte. Unser Sohn verwendete es aber nur als eine Art größerer Laufstuhl. Endlos lange plazierten wir seine Füße auf die Pedale, schoben ihn, wärend wir laufend mündliche Anweisungen gaben. Außerdem ließen wir es immer wieder von anderen Kindern vorzeigen. Wir gingen sogar soweit, daß wir Blöcke auf den Pedalen anbrachten, weil wir vermuteten, seine Beine seien doch noch zu kurz. Darauf haben wir sogar seine Füße mit Gummibänder auf den Pedalen 'befestigt'. All das half nicht. Da unternahm er jedoch den Versuch, mit dem viel größeren Dreirad eines Spielkameraden zu fahren. Es war der ergonomische Unterschied: hier hatte er endlich den richtigen Ansatz, da die Pedale direkt unter ihm und nicht weiter vorne angebracht waren. Versuchen sie bitte selbst mal, wieviel Kraft sie noch auf die Räder überbringen können, wenn sie halb zurückgelehnt mit angehobenen Füßen irgendwo vorne in der Mitte treten müssen. Als uns das klar wurde, gingen wir schnell über zu der nächsten Fase (oder besser gesagt: wir machten eine neue Aufgabenanalyse), indem wir uns entschlossen das allerkleinste Kinderfahrrad mit Stützrädern, aber mit den Pedalen einfach direkt unterhalb des Sattels, für ihn zu kaufen. Trotz des harten Sattels und der Vollreifen akzeptierte er es sofort und beherrschte es sehr bald. Der harte Sattel störte ihn der Windeln wegen weniger, als er diese nicht mehr trug, protestierte er. Also kauften wir nach etwa einem Jahr und mehreren gänzlich abgenützten Stützrädern das kleinste, erhältliche Crossrad.

Aufgabenanalytisch ist es wichtig, nie zu große Arbeitsgeräte anzuschaffen (in diesem Fall ein Fahrrad), nach dem Motto, man hätte mehrere Jahre etwas davon. Das Risiko, daß das Kind weit vor der Zeit vor solch einem großen Schritt zurückschreckt, ist groß. Nun fuhren wir wieder weite Strecken, verbrauchten wieder mehrere Seitenräder. Dabei übte er den Unterschied zwischen links und rechts und wurde mit den Verkehrsregeln konfrontiert. Wenn wir wieder einmal unbemerkt die Seitenräder um ein winziges Maß weiter nach oben verstellten, kam der unvermeidbare Kommentar: 'Kaputt', und das Rad wurde demonstrativ zur Seite gestellt. Als er sieben war, fanden wir es Zeit für die nächste Aufgabenanalyse. Wie jedoch konnten wir den scheinbar so großen Schritt zum freien Fahren überbrücken? Wir beschlossen, auf einem großen, aber ruhigen Spielplatz mit Schaukel, eine Rutsche und eine Wippe anzufangen. Wir zeigten ihm, daß die Grasmatte dort schön weich war. Nun montierten wir die Stützräder ab und erklärten überzeugend, daß diese in seinem Alter überflüssig seien und daß er außerdem groß genug sei um sich, wenn nötig, mit den Beinen abzustützen. Außerdem sagten wir ihm, daß alle Kinder, wenn sie so groß wären, ohne Stützräder führen. Wir versprachen ihn schaukeln zu dürfen, wenn er mit dem Rad hinfahren würde. Mama konnte ihn ja dabei festhalten. So rannten wir an diesem Nachmittag neben seinem Fahrrad von der Schaukel zur Wippe, von der Wippe zur Rutsche, usw. Anfangs lehnte er sich bewußt zur Seite, um zu überprüfen, ob ich wohl noch da sei. Das wurde jedoch schnell weniger. Nach diesem Nachmittag wußten wir, daß wir Konditionsmäßig in der Lage waren, täglich den Abstand zur Schule, die er bis dahin immer mit Stützräder gefahren war, neben ihm herzutraben. Wir entschlossen uns die Stützräder nicht wieder zu montieren und sein täglicher Gang in die Schule als Übungsstrecke zu verwenden. Letzten Endes beherrschte er innerhalb etwa einer Woche die neue Fahrweise. Nur das Starten und Bremsen war noch ein Problem das gelöst werden mußte. Bremsen, oder besser gesagt ausrollen lassen, klappte weil er sich mit den Füßen abfangen konnte. Losfahren war etwas schwieriger, aber dadurch, daß er lernte den bevorzugten Fuß auf das im höchsten Stand befindliche Pedal zu setzen, konnte er sich nach einiger Zeit auch selbst in Bewegung setzen.

Noch kurz zur Aufgabenanalyse

Beim erstellen einer Aufgabenanalyse muß man in verschiedenen Dimensionen denken; erstens kann man einen Zeitplan erstellen: welche Abschnitte kommen nacheinander, wenn man dem Kind das machen einer Schleife beibringen will? Zweitens kann man, wie zuvor erwähnt, eine Abstimmung des Materials berücksichtigen. Meistens geht es um die Kombination beider Aspekte. Sowie wir vielerlei neue Übungen in einzelne Schritte gliedern, kann auch ein neues Spiel Schritt für Schritt beigebracht werden. Dazu probieren wir zuerst, ob sich eine einfachere Version machen läßt, um es nach und nach mit neue Information und neuen Fertigkeiten zu vervolständigen.

Noch einige Beispiele. Zu einem gewissen Zeitpunkt lag das bekannte Spiel 'Bunte Ballons' kognitiv im Möglichkeitsbereich unseres Sohnes. Aus zwei Gründen jedoch gelang es ihm nicht, das farbige kreisförmige Kärtchen auf den entsprechend gefärbten Ballon der vorgedruckten Karte zu legen. Einerseits kannte er bisher nur Puzzlespiele, es mußte immer etwas hineingefügt werden. Andrerseits war er feinmotorisch gesehen noch nicht so weit, was ihn sehr frustrierte, so sehr, daß er schon bald das ganze Spiel vom Tisch wischte. Also fertigten wir zur Probe Kartonschablonen an, sodaß die Ballons auf einer Karte umrandet waren. Das hört sich viel schwieriger an als es war, denn die Schablonen waren ohnehin vom Hersteller (Ravensburger) mitgeliefert. Sie waren übrig geblieben, nachdem wir die einzelne Ballons aus ihren Kartonstreifen herausgedrückt hatten. Wir brauchten nur einzelne Umrandungen abzuschneiden und aufzukleben. Dadurch konnte er es wie ein Puzzle legen. Durch diese Modifikation wurde das Spiel 'entschärft', die Probleme waren beseitigt und es funktionierte. Diese Methode haben wir noch oft anwenden können.

Der Einstieg in ein Lottino-Spiel mit einen neun Abbildingen umfassenden Vordruck ist natürlich nicht so einfach. Beginnen Sie daher mit einem selbstgemachten Lotto mit einer Abbildung, später steigert man Schritt für Schritt bis zu den neun Abbildungen. Dafür sind Memorykärtchen, die man auf etwas hinauf oder irgendwo hinein legt, bestens geeignet. Man macht es nur allmählich immer etwas schwieriger, bis man zum Vordruck mit neun Abbildingen kommt. Danach kann man diesen Vordruck umdrehen, damit auch das Kontouren-Lottino auf der Rückseite geübt werden kann. Ihr Kind sollte jetzt soweit sein, möchte aber lieber bei der bekannten Methode bleiben. Auch in einem solchen Fall kann das Material angepaßt werden. Man kann dann zum Beispiel die farbige Seite völlig mit weißem Papier zukleben, sodaß die andere Möglichkeit nicht mehr vorhanden ist.

Unerwünschtes Verhalten

Ich möchte noch kurz auf das Thema unerwünschtes Verhalten eingehen. Die beste Methode ist, das Kind einfach durch Ablenkung davon abzubringen. Wo das nicht möglich ist, könnte man darauf eingehen, indem man versucht, dem Verhalten Inhalt zu geben oder es wenigstens in eine neue Aufgabe zu integrieren.

Wiederum einige Beispiele: An die Stichting Down's Syndroom werden oft Klagen herangetragen über Kinder, die mit ihrem Spielzeug um sich werfen. In diesem Fall sind Ballspiele und ähnliche grobmotorische Tätigkeiten angebracht, wie zum Beispiel GM 147 'Wirft einen Tennisball aus einer Entfernung von eineinhalb Meter in einen Waschkorb' und weiter. Dies könnte man wiederum mit FM 112 'Sortiert drei Formen' kombinieren. Stellen Sie die Behälter für Bauklötze, für Duplo und Nopper nebeneinander auf und lassen Sie das Kind aufräumen, in dem alles aus einer Entfernung hineingezielt wird, natürlich Sorte zu Sorte. Das macht immer viel Spaß. Oder man sortiert nach Farben. So kommt man zugleich in einen anderen Bereich weiter.

'Mein Kind wiegt den Oberkörper hin und her'. Dagegen hilft oft einfach das Herstellen von Kontakten. Man kann dazu auch ein Lied singen, dem Verhalten dadurch Inhalt verleihen. Setzen sie mit ES 79 ('Singt ein einfaches Lied') und weiter fort. 'Ich schaukele auf dem Wasser' ist dazu ein gutes Beispiel.

Trainieren

Zum Abschluß noch kurz zum meist negativ besetzten Thema 'trainieren'; jedenfalls bei entwicklungsverzögerten Kindern, natürlich nicht bei denjenigen, die Sport treiben. Für mich heißt es nicht mehr als das Investieren von Zeit zur besseren Entwicklung von bestimmten Fähigkeiten, öfters üben um Fortschritte zu erzielen oder im Vergleich zu Anderen aufzuholen. Um dies konsequent durchzuführen, braucht man eine Motivation, sonst tut man sowas einfach nicht. Wir steckten sehr viel Zeit in das üben der Grobmotorik unseres Sohnes. Er war, und ist immer noch, ein ziemlich 'schlaffes' Kind, hypoton. Während seiner ganzen Entwicklung beobachteten wir, wie diese Hypotonie seinen Umgang mit der Umgebung beeinflußte. Gehen, Radfahren und Schwimmen kosteten dadurch mehr Mühe und Zeit. Das nicht so Offensichtliche ist die erhebliche Einschränkung der Fähigkeit zur Selbsthilfe und der schulischen Entwicklung. Durch fehlende Kraft in den Händen konnte er nicht den Druckknopf seiner Jeans schließen, obwohl er die Handlung an sich verstand. Schreiben birgt Probleme, wenn man auch auf einen 2B-Bleistift nicht genug Druck ausüben kann. Und als Anfänger im Lesen muß man noch mit dem Finger die Zeile entlangfahren. Wenn das Kind jedoch den Arm nicht so lange in der Luft halten kann, müssen die Eltern ständig die Sitzhaltung kontrollieren und dafür sorgen, daß der Unterarm auf die Tischplatte stützt. Um die Muskelspannung zu verbessern, muß man viel Zeit für einfaches Krafttraining nehmen. In unserer Familie ist es Brauch, die Wochenenden mit ausgedehnten Spaziergängen und Radwanderungen zu verbringen. In den letzten Jahren habe ich wiederholt daran gezweifelt, ob wir jemals wieder in die Berge gehen können würden. Aber aus unserem eigenen Bedürfnis heraus, diese Tradition auf unser Kind zu übertragen, und durch unsere Erwartungshaltung, daß er es schaffen müsse, einfach weil er unser Kind ist, begannen wir an diesen Schwachpunkten zu arbeiten, ihn zu trainieren. Jetzt ist mein Kind neun Jahre alt, und letztes Jahr haben wir zu dritt Berggipfel erklommen, die wir seit seiner Geburt nicht mehr besucht hatten. Er begleitet uns auf 60 km weiten Radtouren und wandert am Tag 12 km oder mehr, von Bahnhof zu Bahnhof. Dem Training verdanken wir es, daß er in diesen Bereichen seinen Klassenkameraden weit überlegen ist. Nicht, das sie es nicht könnten - mit weitaus weniger Vorbereitungszeit würden sie dasselbe und weit mehr erreichen als dieser Junge mit Down-Syndrom. Jedoch werden - wie im Sport - die Leistungen nur von denen erbracht, die Einsatz zeigen. Und dazu natürlich ein wenig Talent haben. Es ist nicht gesagt, daß ein Kind mit Down-Syndrom dies nicht hätte! Und sogar ohne entsprechender Talente ist durch Übung viel erreichbar!

Erik de Graaf,

director, Stichting Down's Syndroom (SDS)

i. e. the Dutch Down Syndrome Foundation

vice-president European Down's Syndrome Association (EDSA)

Bovenboerseweg 41

NL-7941 AL Wanneperveen

The Netherlands

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