"Was ist ein Ort zum Leben"?
Soziologische und psychologische Voraussetzungen für ein Leben in der Gemeinschaft.
Dr. Ch. Gaedt
"Die Geschichte der geistigen Behinderung ist geprägt durch zwei sich einander immer wieder verdrängende, gegensätzliche Einstellungen. Die Eine ist voller Verständnis und Weisheit. Sie gründet sich auf die edelsten Aspekte der Religion und der Philosophie. ......Die Zweite, ebenso zeitlos, ist gekennzeichnet durch Verrücktheit, Grausamkeit und Schmerz".
Valerie Sinason
Normalisierung als Anpassung
Mit der Vision einer Gesellschaft, in der alle Menschen, behindert oder nicht, als gleichwertige und gleichberechtigte Bürger miteinander leben, hat das Normalisierungsprinzip in vielen Ländern in den letzten Jahrzehnten den anstehenden Reformen die Richtung gewiesen. Der damit erreichte Fortschritt bei der Humanisierung der Lebensbedingungen behinderter Mitbürger kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber auch so eine großartige Vision macht die Praxis nicht immun gegenüber Fehlern und Fehlentwicklungen. So gibt es heute unübersehbare Tendenzen, die im Normalisierungsprinzip enthaltene emanzipatorische Frage nach einem normalen Leben für Menschen mit geistiger Behinderung auf die Frage nach der Optimierung einer oberflächlichen Anpassung an gesellschaftliche Normen reduziert zu werden.
Es sind also nicht Zweifel an der großartigen Idee, die kritische Fragen notwendig machen. Für das Leben der behinderten Menschen ist die Praxis wichtig und nicht die Theorie. Ich will versuchen, einige kritische Fragen an Beispielen deutlich zu machen.
1. Ein Wohnheim inmitten einer englischen Vorstadtgemeinde muß geschlossen werden. Als einziger Grund wird angegeben, daß wegen der in unmittelbarer Nähe liegende Tagesbildungszentrum (adult training center) sich eine Zusammenballung behinderter Menschen ergeben hat, was gegen das Normalisierungsprinzip verstoßen würde. Das adult training center war für viele der Bewohner des Wohnheims der Ort, wo sie gearbeitet haben und wo sie ihre sozialen Kontakte gefunden hatten. Oft waren es langjährige Freundschaften. "Ja, ich habe meine Freunde hier.", sagte einer der Wohnheimbewohner, "Ich bin aber nicht traurig, denn John hat mir gesagt, daß ich an dem neuen Ort eine Menge neuer Freunde finden werde" John ist der Sozialarbeiter, der den Umzug plant und das neue Wohnheim ist ein Ein-Familienhaus mit einem 'normalen Umfeld'.
2. Bei einer Führung durch einen konzeptionell sehr gelungenen Wohnkomplex für behinderte Bürger in einer schwedischen Kleinstadt fiel mir ein Apartment auf, weil es übermäßig sauber war. Ich fragte eine Mitarbeiterin nach dem Grund. "Frau K. hat lange Jahre in einer großen Einrichtung gelebt.", sagte sie. "Sie kann nicht alleine sein. Sie ist so oft es ihr möglich ist bei ihren Freunden. Aber wir haben ihr einen Kurs angeboten, in dem sie lernen kann, besser mit dem Alleinsein zurechtzukommen." Und nach einer kurzen Pause fährt sie fort: "Das mit den sozialen Kontakten ist oft ein Problem. Wir haben jetzt in Schweden eine Gesetzesinitiative, nach der jeder behinderte Mitbürger eine Person zugeordnet bekommen kann, wenn er es will. Wir nennen dieses Person dann einen 'Freund'." Ich habe nicht überprüft, ob das so ist. Wichtig dabei ist mir diese grundsätzliche Überzeugung, man könne jeden Mangel durch einen gesetzlich abgesicherten Anspruch ausgleichen.
3. In einem englischen Vorort hatte ich die Gelegenheit, ein Wohnheim für schwer verhaltensauffällige junge Menschen mit geistiger Behinderung anzusehen. Es war ein Ein-Familienhaus inmitten von unendlich vielen anderen Ein-Familienhäusern. Hier lebten vier behinderte Menschen, die von zwölf Mitarbeitern betreut wurden. Auf meine Frage nach den sozialen Kontakten wurde mir geantwortet, daß jeder Bewohner oft in die Gemeinde gehen könne. Allerdings müßten immer zwei MitarbeiterInnen gerade Zeit haben, denn jeder der Bewohner müsse immer von zwei MitarbeiterInnen begleitet werden, wenn er in die Gemeinde gehen wolle.
4. Bei einem Besuch eines Wohnheimes im Bundesstaat Oregon, USA, fiel mir auf, daß alle Bewohnerinnen und Bewohner eine außerordentlich freundliche Art der Begrüßung hatten. Sie stellten sich vor, warteten ab, bis ich meinen Namen gesagt hatte, fragten dann nach dem Ort, aus dem ich komme, warteten höflich meine Antwort ab. Sie blieben freundlich zugewandt, als ich 'Neuerkerode' sagte und antworteten mit der abschließenden Feststellung: "ein schöner Ort". Damit war diese ganz 'normale' Begrüßung abgeschlossen. Die Mitarbeiter zeigten mir während des Besuches auch ihr 'paperwork'. Auf unzähligen Skalen hatten sie für jeden Tag unter anderen auch das Sozialverhalten zu bewerten. Hier gab es auch eine Skala für das Begrüßungsverhalten. Diese Skalen wurden in regelmäßigen Besprechungen dem Psychologen vorgelegt, der dann gegebenenfalls bestimmte Maßnahmen vorschlug. Diese Unterlagen dienten auch der wissenschaftlichen Qualitätsabsicherung und waren eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Verhandlungen mit den Geldgebern.
Neue Formen von Unmenschlichkeit?
Was ich mit diesen Beispielen andeuten möchte, hat ganz sicher nicht den Rang von Skandalen. Die Beispiele verweisen nicht auf Mißstände, wie wir sie bis in die heutige Zeit hinein in Zusammenhang mit großen Institutionen erleben mußten. Mit diesen Beispielen könnte man keine Schlagzeilen machen. Im Gegenteil, die Öffentlichkeit würde sogar Schwierigkeiten haben, an diesen Beispielen überhaupt etwas Falsches oder Anstößiges zu sehen, und für die Experten gilt möglicherweise das gleiche. Das Ausmaß der bekannt gewordenen Mißstände in "totalen Institutionen" blendet den kritischen Blick und es fällt schwer, etwas Negatives in den heutigen Verhältnissen zu sehen. Man geht davon aus, daß mit den "totalen Institutionen" auch jede Form von Unmenschlichkeit im Leben von Behinderten für immer überwunden ist. Es ist diese Unschuld in der Rede meiner Gesprächspartner, das völlige Fehlen jeder Skepsis und jeder Form eines Zweifels, was mich besorgt macht.
In meinen Beispielen - so meine ich - deuten sich neue, verfeinerte Formen von Unmenschlichkeit an. Steht es nicht im Widerspruch mit dem emanzipatorischen Anspruch des Normalisierungsprinzips, wenn behinderte Menschen mit ihren sozialen Bezügen bedeutungslos werden gegenüber planerischen Zielvorgaben, wenn Autonomie in dem sozialem Vakuum verkümmern muß, wenn eine emotionale und kognitive Überforderung vorherrscht und das Unfähigsein zum prägenden Erleben werden muß, oder wenn Beziehungen sich auf professionelle Kontakte beschränken müssen? Normalisierung gerät in Gefahr zur Normierung zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob spätere Generationen nicht in Analogie zu den uns geläufigen "Anstaltsartefakten" von "Normalisierungsartefakten" sprechen werden, um bestimmte Fehlentwicklungen zu kennzeichnen.
Prüfsteine für die Qualität des Lebens
Um diese zu erkennen brauchen wir einen Maßstab mit einer höheren Empfindlichkeit. Wir müssen lernen, Verletzungen der Menschenwürde und Verweigerung von Entwicklungsmöglichkeiten nicht nur über den Vergleich mit den Verhältnissen in 'totalen Institutionen' zu definieren. Wir brauchen hierzu eine Vorstellung über die Qualität des Lebens, die mehr ist als nur die Negation von Mißständen. Wer Lebensbedingungen normalisieren will, muß wissen, was 'normal' ist, "normal" für einen bestimmten Menschen mit einer ganz bestimmten Form einer geistigen Behinderung. Er muß die Besonderheiten, die durch eine geistige Behinderung geschaffen werden, erkennen und anerkennen. Und er wird das gesellschaftliche Umfeld prüfen müssen, ob es den in einer bestimmten Weise besonderen Bedürfnissen eines Menschen mit geistiger Behinderung gerecht wird.
In jüngster Zeit werden Fragen nach der Lebensqualität in den modernen Betreuungsformen zu einem Fokus der Sozialforschung. Van Walleghem hat in seinem gestrigen Vortrag hierzu eine Konzeption vorgestellt, die sich mit meinen Vorstellungen weitgehend deckt. Das ist der richtige Weg und ich bin davon überzeugt, daß man auf diese Weise viel dazu beitragen kann, den humanistischen Anspruch der modernen Betreuungskonzeptionen abzusichern.
Normalisierung und Relativität der Werte
Man wird allerdings nicht alle Kontroversen um die Praxis des Normalisierungsprinzip lösen können. In der Auseinandersetzung mit der Praxis des Normalisierungsprinzips wird man sehr schnell auf eine Frage stoßen, die in unserer Gesellschaft entweder als längst und endgültig gelöst oder aber als überholt und unnötig betrachtet wird. Es ist die Frage nach der persönlichen Sinngebung, nach einem geglückten Lebensentwurf, es ist die Frage nach der Weltanschauung. Ich will das, was ich meine, wiederum an einem Beispiel verdeutlichen.
Ich besuche einen jungen Mann, der mir nahesteht, in einem anthroposophischen Wohnheim in Deutschland. Das Heim ist ein früheres Hotel und liegt ca. 2 Kilometer außerhalb einer Ortschaft im Wald. In dem Heim leben etwa 20 Menschen mit einer geistigen Behinderung zusammen mit einer Familie und einigen Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern. Der junge Mann hatte Geburtstag und ich hatte ihm auf seinen Wunsch hin die Klavierfassung der Zauberflöte besorgt. Ich war gekommen, um ihm dieses Geschenk zu bringen. Ich wurde von ihm empfangen, Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen, sofern sie zufällig in der Nähe waren, begrüßten mich freundlich, blieben aber im Hintergrund. Weil ich zu ersten Mal in diesem Wohnheim war, bat ich ihn, mir die einzelnen Häuser zu zeigen. Er erwies sich als gut informiert. Ruhig und selbstbewußt führte er mich durch die verschieden Räumlichkeiten. Er war sehr identifiziert mit seinem "zu Hause". Es war nachmittags, also Arbeitszeit, aber die Werkstätten waren leer. Hans, so möchte ich den jungen Mann nennen, erklärte mir, daß am Abend in einer Kirche der Stadt ein öffentliches Violinkonzert stattfinden sollte. Alle, die teilnehmen wollten, sollten ausgeruht sein. Sie brauchten daher am Nachmittag nicht zu arbeiten. Der Künstler sei im übrigen ein Freund des Hauses und würde einige Tage als Gast hier verbringen. Ich fragte nach den Kontakten zur Stadt. Er zählte einige auf. In Erinnerung blieb mir der Apotheker, der der Hausgemeinschaft ein Rezept zur Herstellung von Duftstoffen als Vermächtnis überlassen hatte, zum Beispiel zur Herstellung von Badeölen, die hier in der Werkstatt produziert wurden. Er sprach vom Klavierlehrer, der einmal pro Woche im großen Saal unterrichtet. Es waren wenige Kontakte, für Hans aber waren sie voller Bedeutung. Er habe einen engeren Freund, mit dem würde er sein Zimmer teilen und einige andere Freunde und Freundinnen. Mit ihnen würde er abends oft Spiele spielen. Einige könnten wie er Leier spielen und fast jeden Abend würden sie zusammensitzen, um zusammen Musik zu machen. Ich überreichte ihm schließlich sein Geschenk, die Zauberflöten-Noten. Er freute sich sehr, daran konnte ich keinen Zweifel haben. Aber ich konnte diesen Wunsch immer noch nicht einordnen. Was macht er mit diesen Noten? Ich kannte seine Lebensgeschichte und seine medizinische Akte gut, er war ohne Zweifel geistig behindert. Ich bat ihn schließlich doch, mir etwas vorzuspielen. Selbstbewußt und stolz holte er seine Leier, packte sie aus, öffnete das Notenheft, das ich ihm geschenkt hatte, suchte sich ein Stück, von dem er sagte, daß es nicht so schwer sei. Dann fing er an zu spielen. Ab und zu machte er eine Pause, um über die Personen zu sprechen, die mit dieser Musik verwoben sind und über das, um was es in der Musik geht. Er spielte langsam, war hoch konzentriert; er hatte wegen seiner überstarken Kurzsichtigkeit offensichtlich Schwierigkeiten, die Noten zu lesen. Die respektvolle Art, mit der er seine Leier ausgepackt hatte, die Sorgfältigkeit, mit der er das Notenheft behandelte und die würdevolle Art, in der er dann seine Musik machte, überzeugten mich: die Musik, nicht nur das Musizieren, waren für ihn bedeutsam. Es war für mich eine überraschende und angenehme Begegnung.
Ich würde es gerne bei dieser Feststellung belassen. Aber mein professionelles Interesse zwingt mich dazu zu fragen, was so beeindruckend an Hans war und was es ihm ermöglicht hat, so zu werden. Ich weiß, ich werde es letztendlich nicht verstehen. Und ich weiß auch, daß sich dieses Phänomen jeder Wissenschaft entziehen würde. Das, was mich beeindruckt, wird durch die 'quality of life' - Forschung nicht erfaßt werden können. Ich will es in folgende vorläufige Worte fassen: Hans ist eine besondere Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, die ihre Mitte gefunden hat. Und untrennbar mit dieser Aussage verbunden muß ich feststellen: Hans hat seine Mitte in einer besonderen Gemeinschaft gefunden, eine Gemeinschaft, die für ihn ein Leben mit einer persönlichen Sinngebung möglich gemacht hat.
Ich glaube, es wird niemand bestreiten, daß das Wohnheim, das ich gerade geschildert habe, nicht dem Verständnis von Normalisierung und Integration entspricht, wie sie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern mit sehr gutem Erfolg praktiziert werden. Lebt Hans deswegen unnormal und ist er nicht integriert? An welchen Normen und Werten orientiert sich die besondere Gemeinschaft, die ihn so werden ließ? Wodurch unterscheidet sich sein Lebensstil von dem genormten Durchschnitt? Wenn es um Normalisierung geht, wird diese Frage meistens ausgeblendet. Es wird stillschweigend davon ausgegangen, daß es über die zentralen Wertvorstellungen und den entsprechenden Lebensstil ein die ganze Gesellschaft - zumindest was die Behinderten betrifft - einen umfassenden Konsens gäbe. Das ist eine falsche Annahme und das Beispiel zeigt es. Es zeichnet eine pluralistische Gesellschaft aus, daß sie Gemeinschaften zuläßt, in denen Menschen sich zusammenfinden, die ihr Leben nicht an den vorherrschenden Normen orientieren. Es geht hier nicht mehr um ein einfaches "Falsch" oder "Richtig", sondern um die Möglichkeit "anders" zu sein, anders zu denken und zu leben.
Wir müssen somit nicht nur Kriterien finden, die uns helfen, den humanistischen Anspruch des Normalisierungskonzeptes abzusichern. Wir müssen uns auch bemühen, daß moderne Konzepte der Behindertenarbeit tolerant bleiben gegenüber unterschiedlichen Lebensstilen. Wir haben in einer pluralistischen Gesellschaft eine Vielfalt von Weltanschauungen und Lebensstilen und wir müssen diese Vielfalt auch für behinderte Bürger vor einem immer deutlicher werdenden Konformitätsdruck schützen.
Ich werde in meinem Vortrag nicht weiter auf die Frage der Sinngebung und deren Zusammenhang mit weltanschaulichen Positionen eingehen. Für diese Fragen ist der morgige Vormittag reserviert. Ich wollte allerdings mit diesem Beispiel auf den Zusammenhang zwischen persönlicher Sinngebung und der weltanschaulichen Orientierung des sozialen Umfeldes aufmerksam machen. Wenn wir Überlegungen anstellen, wie 'Orte zum Leben' aussehen könnten, für behinderte wie für nicht-behinderte Bürger, ist dies eine wesentliche Frage.
Ich werde mich in meinem weiteren Vortrag auf die anderen angeschnittenen Fragen beschränken. Es sind die Fragen: 1. welche Besonderheiten sind zu erwarten, wenn ein Mensch sich in unserer Gesellschaft unter den Bedingungen einer geistigen Behinderung entwickelt und 2. welche Voraussetzungen müssen in Hinblick auf diese Besonderheiten für eine gelungene Normalisierung und Integration gegeben sein.
Erhöhte emotionale Verwundbarkeit
Die geistige Behinderung ist ein Phänomen mit vielen Facetten. Sie bedingt Besonderheiten der menschlichen Entwicklung, die man in der heutigen Zeit gerne verdrängt. Gerade aber wenn es um Gleichberechtigung, d. h. vor allen auch Chancengleichheit, geht, ist es wichtig, Unterschiede zu sehen. Für mich sind es insbesondere zwei Aspekte, die die Besonderheiten von Menschen mit einer geistigen Behinderung ausmachen. Es ist die Einschränkung der Aneignungsfähigkeit und es ist eine besondere psychische Verwundbarkeit. Ich gehe zunächst auf den zuletzt genannten Aspekt ein.
Man geht heute davon aus, das sich die wichtigsten psychischen Strukturen und Funktionen in einem Wechselspiel des Kindes mit seinen frühen bedeutungsvollen Personen entwickeln bzw. heranreifen. Dabei werden die Grundlagen für eine gesunde menschliche Entwicklung gelegt, deren oberstes Ziel die Autonomie in sozialer Bindung ist. Vom ersten Tag an übernimmt dabei der Säugling die Initiative in diesem Entwicklungsprozeß und beginnt über Einflußnahme auf seine primären Bezugspersonen, sich eine entwicklungsfreundliche Umwelt zu organisieren.
Bei den vielfältigen Handicaps, mit denen ein geistig behinderter Säugling konfrontiert wird, ist nicht zu erwarten, daß diese so entscheidende frühe Lebensphase ungestört durchlaufen werden kann. Selbst unter günstigen Bedingungen hat ein geistig behindertes Kind kaum die Chance, sich normal zu entwickeln. Das ist sicherlich nicht nur auf die organische Schädigung zurückzuführen, die zu einer erheblichen Störung der Kind-Umwelt Interaktion führt. Behinderte Kinder sind außerdem einem anderen Sozialisationsmuster ausgesetzt. Die Beziehung zwischen den Eltern und dem behinderten Kind unterscheidet sich in einem ganz bedeutsamen Aspekt von ihrer Beziehung zu einem nicht-behinderten Kind: die Kind-Eltern Interaktion wird im Falle eines behinderten Kindes von den Eltern dominiert (Literatur siehe bei Levitas und Gilson, 1988). Zunächst ist der Grund hierfür die Behinderung, später verfestigt sich dieser Interaktionsstil zu einem besonderen Sozialisationsmuster. Das behinderte Kind hat also kaum eine Chance, sich als Urheber von Veränderungen seines Erfahrungsraumes zu erleben. Damit ist dem Kind das befriedigende Erlebnis wachsender Autonomie verwehrt. Der Aufbau von narzißtischen Reserven zur Entwicklung eines stabilen Selbstwertes ist dadurch erschwert. Narzißtische Bestätigung kann das Kind nur über die Bewunderung durch die Eltern gewinnen, was die Abhängigkeit von ihnen noch mehr verfestigt. Dieses Interaktionsmuster wird im späteren Leben durch die überwiegend an kognitiven Leistungen orientierten pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen noch verstärkt. Unter diesen Bedingungen können zwar Fortschritte auf dem Gebiet der motorischen und kognitiven Entwicklung erreicht werden, Selbstachtung und eine darauf gegründete Autonomie werden jedoch eher gehemmt. Diese verzerrte Form der Interaktion führt also zu einer Schwäche der Persönlichkeitsstrukturen, die von Levitas und Gilson als "sekundäres psychosoziales Defizit" zusammengefaßt wurden.
Das wichtigste Merkmal ist ein unreifes Selbsterleben. Tendenziell bleibt eine Abhängigkeitsbereitschaft und das Selbsterleben wird durch bedeutsame Bezugspersonen vermittelt. Levitas und Gilson sprechen daher von einem "vermittelten Selbst". Dazu gehört auch, daß unter Belastung, die Stärke der Bezugspersonen genutzt werden, um die eigenen Ich-Funktionen zu stabilisieren. Man braucht die Bezugspersonen also als "Hilfs-Ich". Neben dem unreifen Selbst finden sich außerdem ein primitives Über-Ich, ein omnipotentes Ich-Ideal und eine unzureichende Selbststeuerung. Charakteristisch für eine in dieser Weise geprägten Persönlichkeit ist ein Entwicklungsstillstand in der Adoleszenz.
Auch im späteren Leben reagieren sie zum Beispiel übermäßig stark auf Trennung, sie bleiben tendenziell abhängig von dominanten Bezugspersonen, verweigern sich häufig bei Forderung nach selbständigem Handeln, haben eine ausgeprägte Selbstwertproblematik und sind somit überempfindlich gegen Kränkungen, sie fordern ein großes Maß an emotionaler Unterstützung, wenn sie mit neuen oder schwierigen Aufgaben konfrontiert werden und reagieren häufig mit Panikreaktionen, wenn sie überfordert sind. Wichtig ist zu beachten, daß die Betroffenen auf Grund dieser psychischen Vulnerabilität in Streßsituationen ihre kognitiven Fähigkeiten nur noch eingeschränkt nutzen können. Sie sind dann nicht nur emotional aus dem Gleichgewicht, sondern werden auch in ihren Intelligenzfunktionen beeinträchtigt.
Diese strukturellen Schwächen sind sicherlich nicht bei jeden Menschen mit einer geistigen Behinderung nachweisbar. Und wenn sie vorhanden sind, können sie stumm bleiben. Ob sie sich manifestieren und eine befriedigende Lebensführung erschweren, hängt vor allen von dem sozialen Umfeld ab. Es kommt darauf an, ob dieses Umfeld sie in ihren emotionalen Bewältigungsfähigkeiten nur fordert, was wünschenswert ist und die Entwicklung fördert, oder aber überfordert, was negative Folgen haben muß. Hier geht es zum Beispiel um Konkurrenz, um Eifersucht, um Trennungsschmerz, um Neid, oder um den Umgang mit Wahlmöglichkeiten und mit dem Risiko, dabei Fehler zu machen. Oft kommt zum Scheitern von Integrationsversuchen, nicht weil primär die kognitiven Fähigkeiten überfordert wären, sondern weil es in der Konfrontation mit den durchschnittlichen gesellschaftlichen Anforderungen zunächst zu einer emotionalen Überforderung kommt. Unter normalen, aber für bestimmte Personen schon ungünstigen Bedingungen werden aus den strukturellen Schwächen manifeste psychische Störungen. Diese emotionale Verwundbarkeit zeigt, daß eine geistige Behinderung mehr ist, als zum Beispiel in dem englischen Ausdruck "learning disability" zum Ausdruck kommt.
Einschränkung der Aneignungskapazität
Die emotionale Verwundbarkeit ist eine Ursache für Besonderheiten geistig behinderter Menschen. Eine zweite Ursache ist die Einschränkung der Aneignungskapazität. Ich wähle den Begriff Aneignung, weil ich damit innerhalb der Systematik einer bestimmten Theorie der Persönlichkeitsentwicklung bleibe, die präziser als andere Theorien versucht, das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft zu erfassen. Diese Theorie der Persönlichkeitsentwicklung ist im Rahmen der Kritischen Psychologie entstanden, die in Deutschland vor allen mit dem Namen Holzkamp und Holzkamp-Osterkamp verbunden ist. Gerade wenn man Zweifel an den impliziten Annahmen heutiger Normalisierungs-Praxis begründen will, kann man das nur über eine präzise Erfassung der Bedeutung des gesellschaftlichen Umfeldes in den Phasen der frühen Sozialisation und im späteren Leben. Die zentralen Annahmen heutiger Normalisierungs-Praxis sind, erstens, daß ein geistig behinderter Mensch dieselben gesellschaftlichen Bedingungen braucht wie jeder andere Bürger, um sich normal zu entwickeln und normal zu leben. Das entspricht in diesem Konzept dem Gleichheitsprinzip. Und zweitens, daß Schwierigkeiten, die dabei auftreten können, mit einem ausreichenden Einsatz von materiellen und personalen Hilfen überwunden werden können. Das entspricht den Forderungen nach gesetzlicher Absicherung eines umfassenden Ausgleich von Behinderungen. Diese Annahmen halte ich bei Menschen mit körperlichen Behinderungen für uneingeschränkt richtig. Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung aber erscheinen mir diese Annahmen nicht ausreichend zu sein. Man kann dem Gleichheitsprinzip auf diese Weise nicht gerecht werden und es ist auch nicht möglich, eine geistige Behinderung über Hilfsmittel und personale Unterstützung auszugleichen. Ich hoffe, daß ich das über den notwendigerweise sehr kurzen Exkurs in die Terminologie der Kritischen Psychologie verständlich machen kann.
Zum Verhältnis "Mensch-Gesellschaft"; das Konzept der Aneignung
Die menschliche Entwicklung ist nicht nur als Verwirklichung genetisch festgelegter und im biologischen Erbe vermittelter Entwicklungspotentiale zu sehen. Der Mensch wird in gesellschaftliche Verhältnisse hineingeboren, in denen das gesellschaftliche Erbe für ihn vorgehalten ist. Es ist fixiert in der Sprache mit ihren Begriffen, in den Fähigkeiten, Kenntnissen, Wertvorstellungen, Motivationen usw. Das gesellschaftliche Erbe ist die notwendige Ergänzung zum biologischen Erbe, das in den Genen vermittelt wird. Das gesellschaftliche Erbe realisiert sich jedoch nicht in einem vorher festgelegten Reifungsprozeß, sondern muß von dem sich entwickelnden Menschen in "tätiger Auseinandersetzung" mit der gesellschaftlichen Umwelt erworben werden. Dieser besondere Lernvorgang wird "Aneignung" genannt und ist die Voraussetzung für ein gesellschaftlich organisiertes Leben.
Zur genaueren Charakterisierung der gesellschaftlichen Lebensweise möchte ich noch den Begriff der "Individualitätsformen" einführen. Er stammt von Lucien Sève, der sich damit um eine Lösung der Frage näherte, auf welche Weise die gesellschaftlich notwendigen unterschiedlichen sozialen Rollen entstehen und vermittelt werden.
Wenn Sie heute eine der großen Tageszeitungen aufschlagen und die Stellenanzeigen durchgehen, so wird deutlich, welche Persönlichkeiten und welche Rollen als gesellschaftlich wichtig erscheinen, also gesucht und gefragt sind. Es wird Ihnen auffallen, daß nicht nur fachliche Qualifikationen gefordert, sondern auch bestimmte Persönlichkeitszüge als erforderlich beschrieben werden. Bei aller Vielfalt der Texte werden Ihnen doch gewisse Ähnlichkeiten auffallen und es wird Ihnen leicht fallen, bestimmte Muster zu bilden und diese Muster verschiedenen Berufsgruppen zuzuordnen. Technische Berufe werden zum Beispiel ein anderes Muster haben als soziale Berufe. Diese Anzeigen hätten keinen Sinn, wenn es diese Muster nicht tatsächlich gäbe. Und es gibt diese Muster, weil sie in unserer arbeitsteiligen Welt gebraucht werden. Diese gesellschaftlichen Erfordernisse spiegeln sich wider in den individuellen Eigenschaften, so daß es zu einer Harmonie zwischen Angebot und Nachfrage kommt. Diese selektiven Bündelungen von gesellschaftlich vorgeformten Kenntnissen, Einstellungen und Bedürfnissen, die letztlich hinter diesen Annoncen-Mustern stehen, nennt Sève Individualitätsformen. Ihnen kommt in einer arbeitsteiligen Gesellschaft eine wichtige steuernde Funktion zu. Sie lenken während des Sozialisationsprozesses die persönliche Entwicklung. Über Internalisierungs- und Identifikationsprozesse werden sie zur individuellen Lebensperspektive. Sie ermöglichen schließlich eine besondere Art von Integration, die Holzkamp als "kooperative Integration" bezeichnet hat. In dieser Form von Integration werden nicht nur symmetrische Beziehungen möglich, also Beziehungen, die nicht durch einseitige Abhängigkeit gekennzeichnet sind. Die kooperative von Integration vermittelt auch eine besondere emotionale Erfahrung. Es ist das Gefühl, gebraucht zu werden, bedeutsam für andere zu sein und auch gesellschaftlich abgesichert zu sein, Gefühle also, die ein erfülltes Leben kennzeichnen. Diese Gefühle unterscheiden sich deutlich von den emotionalen Erfahrungen, die eine Integration auf der karitativen Basis kennzeichnen würden.
Ich habe die Begriffe Aneignung, Individualitätsformen und kooperative Integration eingeführt, um damit besser verdeutlichen zu können, was Normalisierung und Integration unter den Bedingungen einer geistigen Behinderung heißt. Und ich will im Folgenden versuchen auf der Grundlage des Aneignungskonzeptes die wichtigsten Begriffe zu definieren.
Was ist ein normales Leben? Was sind normale Lebensbedingungen?
Normal lebt ein Mensch dann, wenn er sich mit Hilfe der angeeigneten Fähigkeiten und Bedürfnisse in dem vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmen seine persönliche, private Umwelt organisieren kann, eine Welt, in der er mit anderen in symmetrischen Beziehungen leben kann, in der er Einfluß auf seine Lebensbedingungen hat, in dem er die Befriedigung seiner Bedürfnisse absichern kann und in dem er sich als autonom erleben kann. Er lebt dann normal, wenn er in diesen Verhältnissen sein Leben als sinnvoll erleben kann. Wenn er also - um es auf eine kurze prägnante Formel zu bringen - seinen "Ort zum Leben" gefunden hat.
Auf der anderen Seite sind soziale Strukturen für einen Menschen dann normal, wenn er sie nutzen kann, um sich in ihnen seinen "Ort zum Leben" zu schaffen. Das heißt, daß ein normales Leben sich weder ausschließlich aus den Eigenschaften des einzelnen Menschen noch aus den Charakteristika einer gesellschaftlichen Struktur bestimmen läßt. Normalität ergibt sich immer aus der Harmonie zwischen beiden Elementen.
Was bedeutet Gleichheit?
Auch wenn das "Anderssein" eines Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Konfrontation mit den gesellschaftlichen Normen unübersehbar ist, ist er doch in seinen wesentlichen menschlichen Eigenschaften nicht zu unterscheiden von anderen Menschen. Die Gleichheit besteht
Welche Besonderheiten bringt die geistige Behinderung mit sich?
Unterschiede entstehen durch eine Einschränkung der Aneignungskapazität, was viele Konsequenzen hat. Ein Kind, das mit einer geistigen Behinderung geboren wurde, versucht genauso wie ein nicht behindertes Kind sich die gesellschaftichen Erfahrungen anzueignen, die es braucht, um gesellschaftlich integriert leben zu können. Im Prinzip ist es zwar der gleiche Prozeß, aber das behinderte Kind braucht mehr Zeit und mehr Unterstützung. Dieses Mehr an Zeit und Unterstützung kann unbedeutend sein, und die Behinderung kann dann leicht kompensiert werden. Dieses Mehr an Zeit und Unterstützung kann aber auch so beträchtlich sein, daß die Aneignungsprozesse unvollendet bleiben müssen und die Behinderung nicht mehr ausgeglichen werden kann.
Wir werden dann große Schwierigkeiten haben, die Bedeutung dieser Behinderung für das sich entwickelnde Kind zu erfassen. Bei einer Körperbehinderung zum Beispiel wäre das etwas anders. Wenn ein Kind ohne Hände zur Welt kommt, dann wissen wir, daß es ein schreckliche Behinderung ist. Wir haben eine ungefähre Vorstellung von den Einschränkungen, unter denen das Kind in seinem künftigen Leben leiden wird. Und wir meinen zu wissen, wie wir die Auswirkungen der Behinderung wenn auch nicht ausgleichen so doch zumindest verringern können. Das heißt, wir werden Hilfe anbieten bei Verrichtungen, die ohne Hände nicht getan werden können. Wir werden uns auch überlegen, welche technischen Hilfen notwendig sind. Und werden auch versuchen, einen Ersatz für die Hände zu konstruieren, wir werden also an Prothesen denken.
Ganz anderes ist unsere Situation, wenn wir mit einer geistigen Behinderung konfrontiert werden. Wissen wir wirklich, was es bedeutet, wenn es für ein Kind und später für einen Erwachsenen auf vielen Gebieten unmöglich wird, eine Übereinstimmung zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen und seinen Fähigkeiten zu erreichen? Wissen wir, wie ein geistig behinderter Mensch es erlebt, wenn sich ständig jemand anbietet, der die Vermittlung zur sozialen Umwelt übernimmt? Wissen wir, welche Hilfen ein Mensch mit geistiger Behinderung in diesen Situationen will und braucht? Ist der helfende Gegenüber nur ein Ausführender? Oder beeinflußt er in einer alles durchdringenden Weise auch die Motivation? Wissen wir, was ein Ersatz wäre für das, was ihm fehlt? Kann man den Gedanken einer Prothese, eines Hörgerätes, einer Brille auf die geistige Behinderung übertragen? Ein Vergleich mit einer Körperbehinderung hilft uns hier nicht weiter. Ich wage nicht, auf diese Fragen Antworten zu geben, sondern versuche, auf der Grundlage der Aneignungstheorie nur einige Fragen zu formulieren, die helfen sollen, das Problem zu klären.
Disharmonie zwischen sozialem Anforderungsniveau und individueller Aneignungskapazität. Verweigerung von Identität.
Wenn es unmöglich wird, sich in einer vorgegebenen sozialen Umwelt sich die notwendigen Erfahrungen anzueignen ist soziale Isolierung die Folge, auch dann, wenn man mitten unter seinen Mitmenschen lebt. Es ist vergleichbar mit einem Baum, der erst sein volles Leben entfalten wird, wenn er sich mit seinen Wurzeln das umgebende Erdreich erschließen kann. Ist der Boden zu hart, werden es seine Wurzeln nicht schaffen, ihm Halt und ausreichend Nahrung zu garantieren. Er wird auch dann verdorren, wenn man ihn ausreichend gießt. Es wird ihm auch nicht helfen, wenn man ihn düngt und täglich in die Sonne schiebt.
Wie ein zu harter Boden das Gedeihen einer Pflanze verhindert, so erschweren unerreichbare Standards das soziale Leben eines Menschen. Es wird ihm unter diesen Bedingungen nicht gelingen, sich sein persönliches Umfeld aufzubauen, in dem er sich einflußreich und kompetent erleben kann, d.h. ein wichtiges Lebensziel, die Autonomie in sozialer Bindung, wird unerreichbar. Konfrontiert mit Anforderungen, die er nicht durchschauen kann, wird er in starkem Maße auf die allgegenwärtige Vermittlung anderer angewiesen sein. Seine Beziehungen werden notwendigerweise vorwiegend asymmetrisch sein. Wer wird zu seinem Freund? Wer zu seiner Freundin? Wie muß man sich fühlen, wenn die Beziehungen zu anderen Menschen hauptsächlich über einseitig definierte, professionell ausgeführte Pflichten geregelt werden. Bei einer intensiven Förderung mag es gelingen, daß er verhaltensmäßig unauffällig lebt. Doch wer kann wissen, was er dabei erlebt. Füllt er die Rollen, die nicht angeeignet, sondern angelernt wurden, wirklich aus? Kann er damit seinen Einfluß auf seine Lebensbedingungen erlebbar verändern? Oder sind diese Rollen nur oberflächliche Verhaltenshüllen, die ihn zu einer "Als-ob-Persönlichkeit" machen und seinen Weg zu einer eigenen Identität nur erschweren. Welche Lebensperspektive lenkt seine Entwicklung? Hält die Gesellschaft für ihn als geistig behinderten Menschen Sozialisationsmuster bereit, die ihm letztlich Integration über Kooperation ermöglichen? Oder ist es gerade das für ihn vorbestimmte Sozialisationsmuster, also seine ihm zugedachte Individualitätsform, die ihn so werden läßt, wie wir ihn oft erleben: unauffällig, angepaßt und abhängig. Wie kann er sich unter diesen Bedingungen als bedeutsam und wichtig und sicher fühlen?
Zerstörung der traditionellen Gemeinde
Vieles ist unklar und die Antworten müssen persönliche Einschätzungen bleiben. Sicher erscheint mir aber, daß die Konfrontation mit unserer Gesellschaft, so wie sie sich heute darstellt und wie sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft noch schärfer konturieren wird, für die Entwicklung und das Leben eines Menschen mit einer geistigen Behinderung besondere Risiken birgt. Die Gründe sind bekannt. Es ist allgemein üblich, unsere Gesellschaft als eine Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft zu kennzeichnen. Es besteht außerdem ein weitreichender Konsens darüber, daß die Überbetonung einer individualistischen Lebensweise die Grundfesten unserer Gesellschaft zu unterhöhlen droht. Der Schweizer Soziologe sieht unsere Bürger auf den Weg in eine "autistische Gesellschaft". Peter Morrison spricht von einer "Zerbröselung" der Gesellschaft. Michael Schluter und David Lee haben mit ihrem Buch "The R Factor" dieser weithin akzeptierten Gesellschaftskritik einen weiteren Aspekt hinzugefügt. Sie führen aus und belegen es mit umfangreichem Material, daß die traditionelle Gemeinde für den modernen Bürger kaum noch existiert. Die Autoren prägen für die Gemeinde, die heute relevant für den Bürger geworden ist den Ausdruck "Mega-Community". Sie bringen damit zum Ausdruck, daß sich der moderne Bürger weniger mit seinen Nachbarn und dafür mehr mit Gleichgesinnten in der ganzen Stadt, in seinem ganzen Land, ja in der ganzen Welt verbunden fühlt. (S13) Notwendigerweise haben diese Beziehungen einen anderen Charakter. In der mega-Commmunity leben wir als "Fremde unter Fremden..", schreiben sie in ihrem Buch. Direkte Begegnungen, also Kontakte von Gesicht zu Gesicht, werden seltener, beiläufige und indirekte, vermittelte Kontakte nehmen dafür in einem unvorstellbaren Maße zu. Das Nachbarschaftsnetz verliert seine Bedeutung. Untrennbar verbunden damit nimmt die Relevanz der moralischen Verpflichtung seinem Nächsten gegenüber ab. Man macht das Leben des Nachbarn, wie selbstverständlich auch sein eigenes, zu einem individuell zu verantwortenden Prozeß, der letztlich über eine freie Entscheidung gesteuert werden soll. Ich möchte nicht weiter auf das sehr lesenswerte Buch eingehen und möchte nur noch hinweisen auf ein Zitat aus einer Studie eines indischen Anthropologen. Dieser Forscher wollte, im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten dieser Wissenschaft, nicht sogenannte primitive Völker untersuchen, sondern lenkte sein wissenschaftliches Interesse zur großen Überraschung der Dänen auf ein dänisches Dorf und sein Gemeindeleben. Seine Ergebnisse hat er unter dem Titel "Danes are like that" veröffentlicht. Er selbst, der in einem indischen Dorf mit vorindustriellen Struktur groß geworden war, war erstaunt darüber, daß die Dänen für ihre Ortschaften das Wort "Gemeinde" gebrauchten, also das gleiche Wort, das er in seiner Heimat für die Dorfgemeinschaft gebrauchte. Nach seinen Untersuchungen war die dänische Gemeinde - ganz anders als die Gemeinden in seiner indischen Heimat - ein Ort von Menschen, die ohne engen Zusammenhang, vereinsamt und in geistiger Dürre miteinander leben. Als ich dies Zitat las, fragte ich mich, wie der indische Forscher wohl deutsche Vorstadt-Gemeinden beschreiben würde. Es würde für ihn schwierig sein, die notwendige Steigerung zu finden.
Risikofaktor "Gesellschaft"
Meine Ausführungen verfolgen den Zweck, Skepsis zu nähren gegenüber dem Kult, der heute mit dem Wort Gemeinde und Nachbarschaft betrieben wird. Die Idealisierung der gegenwärtigen Gemeinden und der Nachbarschaftsbeziehungen sind ein wesentliches Element der heutigen Normalisierungskonzepte. Läßt man sich den Blick für die Realität nicht verstellen, muß man damit rechnen, daß ein Mensch mit einer geistigen Behinderung in der Konfrontation mit der modernen Gesellschaft zwei schwerwiegenden Risiken ausgesetzt ist.
Er ist einmal in Gefahr, überfordert zu werden. Ich habe weiter oben bereits die Möglichkeit der emotionalen Überforderung angeschnitten und auf deren Auswirkung auf die kognitive Leistungsfähigkeit hingewiesen. Umgekehrt kann auch eine primäre Überforderung der kognitiven Leistungsfähigkeit zu einer emotionalen Labilisierung und schließlich auch zu manifesten psychischen Störungen kommen. Nicht nur das aggressive Auflehnen gegen überfordernde Lebensbedingungen, sondern auch resignativer Rückzug in eine Depression sind häufig zu beobachtende Störungen, die so erklärt werden könnten.
Das zweite Risiko besteht in einer Vereinsamung inmitten professioneller Beziehungen. Man überschätzt sehr leicht die Fähigkeit und die Bereitschaft unserer nicht behinderten Mitbürger, bedeutsame Nachbarschaftsbeziehungen mit geistig Behinderten aufzunehmen. Ich möchte mit dem folgenden Hinweis auf gesellschaftliche Realitäten, den ich ebenfalls dem Buch von Schluter und Lee entnommen haben, nicht auf eine billige Weise polemisch werden. Ganz im Gegenteil, ich meine, man muß diese einfachen Tatsachen sehr ernst nehmen. Man könnte sie durch zahlreiches anderes Material noch ergänzen, also zum Beispiel mit statistischen Angaben zur sozialen Mobilität, zur Situation der Familien oder zur Kriminalität. Schluter und Lee verweisen schlicht und einfach auf ein zeitliches Problem, das die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen sehr erschwert. Sie beziehen sich dabei auf eine englische Studie, ich glaube aber, daß die Verhältnisse zum Beispiel in Deutschland nicht anders sind. Nach einer in England 1990 durchgeführten Untersuchung (S.156) verbringt ein durchschnittliches Mitglied eines englischen Haushaltes - in dem immerhin zwei Fernseher stehen - 25 Stunden pro Woche vor dem Fernseher. Zieht man die Zeit, die man durchschnittlich am Arbeitsplatz verbringt und die Schlafzeit ab, dann bleiben pro Woche ca. 30-40 Stunden für alle anderen Lebensaktivitäten. Beziehungen aufzubauen und zu pflegen wird allein schon dadurch zu einem zeitlichen Problem. Es kann nicht viel Zeit übrig bleiben. Nach Schluter und Lee ist die Zeitdauer vor dem Fernseher zum Beispiel um 5000% größer als die Zeit, die ein durchschnittlicher englischer Ehemann damit verbringt, mit seiner zu Frau sprechen. Wenn man bedenkt, wie schwierig eine Kommunikation mit einem geistig behinderten Menschen sein kann, wie lange oft ein einfaches Gespräch dauert, dann muß man es für recht unwahrscheinlich halten, daß die "normale" Nachbarschaft die Zeit, die Geduld und das Interesse aufbringen kann, um tragfähige Beziehungen aufzubauen.
Ganz sicherlich ist es auch schon für den normalen Bürger in der Mega-Community mit ihren neuartigen, nicht auf Begegnung begründeten Beziehungsgeflecht schwer, nicht zu vereinsamen. Der geistig behinderte Mensch jedoch ist noch weniger in der Lage, den Verlust an direkten Beziehungen durch die modernen Kommunikations- und Verkehrsmittel auszugleichen. Er bleibt auf seine enge Umgebung und damit auf professionelle Beziehungsangebote angewiesen.
"Strukturelle Unterstützung" - eine notwendige Ergänzung zur personalen Assistenz
Ich habe vorhin ausgeführt, daß aus der Sicht der Aneignungstheorie ein normales Leben dann möglich wird, wenn der Mensch sich in den vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen seine persönliche Umwelt schaffen kann, in denen er die Befriedigung der für ihn wichtigen Ziele absichern kann, in der sich in symmetrischen Beziehungen als bedeutungsvoll erleben kann und in der er sich als kompetent und autonom erfahren kann. Ich habe diese persönliche Welt seinen "Ort-zum-Leben" genannt. Ich glaube, daß man mit dieser Definition eine gute Grundlage hat, um Normalisierungs- und Integrationsprozesse in Hinblick auf ihren emanzipatorischen Anspruch zu überprüfen. Deutlich wir in diesem Ansatz, daß es normales Leben nur geben kann, wenn eine Harmonie zwischen dem gesellschaftlichen Anforderungsniveau und den individuellen emotionalen und kognitiven Fähigkeiten erreicht werden kann. Wir haben bei jedem einzelnen Menschen zu prüfen, wo seine emotionale und wo seine kognitive Überforderung beginnt, und haben zu fragen, mit welchen professionellen personalen Maßnahmen, also über spezielle Förderungs- und Bildungsmaßnahmen und über persönliche Assistenz, wir eine bestehende Diskrepanz ausgleichen können. Bis zu diesem Punkt, so glaube ich, besteht ein weitreichender Konsens. Strittig wird es erst, wenn die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Anforderung und individuellen Vermögen unüberbrückbar wird.
Sprechen wir dem geistig behinderten Menschen prinzipiell das Recht auf ein normales Leben zu, und sehen wir die Harmonie zwischen Fähigkeiten und Anforderungen als eine wesentliche Voraussetzung für ein normales Leben an, dann müssen wir nicht nur die personalen Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten nutzen, um ihn an die gesellschaftliche Anforderungen anzupassen, wir müssen auch prüfen, wie wir umgekehrt die für ihn relevanten gesellschaftlichen Anforderungen an seine Bewältigungsfähigkeiten anpassen können. Wir müssen es also auch als unsere Aufgabe ansehen, soziale Strukturen zu schaffen, mit denen er so kompetent und so autonom als möglich umgehen kann. Das führt uns zu dem Gedanken der "strukturellen Betreuung". Um dem Rollstuhlfahrer seine Umwelt zugänglich zu machen, wird man Türen verbreitern, Treppen durch Fahrstühle ersetzen und Bordsteine einebnen. Wie soll man einem Menschen mit geistiger Behinderung seine Umwelt zugänglich machen? Er kann durch enge Türen gehen, er kann Treppen steigen und Bordsteinkanten sind kein Hindernis für ihn. Aber vielleicht ist er ein Mensch, der in komplexen Situationen die Orientierung verliert, dem die richtigen Begriffe fehlen, um sich auszudrücken, der Wünsche hat, die man bei seinem Alter nicht vermuten würde. Vielleicht ist er jemand, der nicht zählen und nicht mit Geld umgehen kann, und für alles viel, viel Zeit braucht. Vielleicht wird er unruhig und erregt, wenn er nicht weiß, wie er zum Ziel kommen kann oder wenn ihm sein Ziel nicht klar werden will. Soll er deshalb nicht in einem Geschäft einkaufen oder in einem Café etwas trinken gehen können? Oder soll er dabei ständig von pädagogischen Helfern begleitet und unterstützt werden, wodurch ihm ständig seine Unfähigkeit und Unselbständigkeit vorgeführt werden würde? Das Konzept der strukturellen Unterstützung legt einen anderen Weg nahe. Nach diesem Konzept wird man ihm eine soziale Umgebung anbieten, in der er trotz seiner Schwächen ein Geschäft oder ein Café finden würde, in dem er einkaufen bzw. etwas trinken kann. Allerdings wird es dann ein "besonderes" Café und ein "besonderes" Geschäft sein, in denen seine Autonomie durch seine Schwächen nicht behindert wird. So muß er vielleicht die Möglichkeit des bargeldlosen Einkaufs haben, vielleicht müssen Verkäufer oder Verkäuferin Zeichensprache oder sogar unformulierte Wünsche verstehen können. Sie dürfen sich auch nicht durch sein möglicherweise erregtes und ungewöhnliches Verhalten beunruhigen lassen. Das Geschäft und das Café werden also "unnormal" sein müssen, um für ihn und auch für viele andere "normal" zu sein. "Strukturelle Unterstützung" heißt, die vorgegebenen sozialen Strukturen zu differenzieren und zu ergänzen, so daß sie die Vielfalt bieten, die der Vielfalt unterschiedlicher Menschen und ihren Fähigkeiten entspricht. Es dürfte keine Menschen geben, die in dem Netzwerk gesellschaftlicher Strukturen keinen Platz finden können.
Ich bin damit am Ende meines Vortrages. Ich habe versucht meine Zeit zu nutzen, um die Grundlagen für die Erörterung verschiedener Modelle in der Behindertenarbeit zu legen, vor allen auch für die Diskussion um die Chancen und Risiken von Großeinrichtungen. Jetzt müßte ich in meinen Vortrag ein neues Kapitel anfangen, um die konkrete Arbeit mit diesem Konzept vorzustellen. Dazu reicht die Zeit nicht aus. Möglicherweise kann man diese Diskussion in den Workshops führen.
Literatur
Sinason, V. Mental Handicap and the human condition. New approaches from the Tavistock. Free Association Books: London (1992)
Schluter, M., Lee, D. The R-Factor. Hodder&Stoughton: London-Sydney-Auckland (1993)
Mannoni, M. Ein Ort zum Leben. Die Kinder von Boneuil. Syndikat
Holzkamp, K. Sinnliche Erkenntnis - Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Athenäum, Frankfurt/M (1975)
Holzkamp-Osterkamp, U. Motivationsforschung I. Campus: Frankfurt/New York (1975)
Holzkamp-Osterkamp, U. Motivationsforschung II. Campus: Frankfurt/New York (1976)
Jantzen, W. Grundriß einer allgemeinen Psychopathologie und Psychotherapie. Studien zur kritischen Psychologie, Band 19. Pahl-Rugenstein: Köln. (1979)
Vortrag, gehalten anläßlich der Internationalen Konferenz "Orte zum Leben. Alternative Lebensformen für Menschen mit geistiger Behinderung". September 1994 in Blankenberge, Belgien (Druck in Vorbereitung)