Lerninhalte zum Workshop "Partnerschaft und Sexualität"
Regina Bätz
Erfahrungen in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen zeigen, daß gelebte Sexualität viel zu einem als sinnvoll erlebten Leben, zum Lebensglück beitragen kann. Allerdings sind geistig behinderte Menschen von Geburt an auf größere Hilfe, Unterstützung und Förderung angewiesen als nicht behinderte. Eine offene Beschäftigung der BetreuerInnren und der Eltern mit diesem Thema scheint demnach unerläßlich.
Menschen mit geistiger Behinderung haben Entwicklungsbeeinträchtigungen, die oftmals gar nicht klar zu lokalisieren sind. Selbst wenn sie fest zu umreißen wären, wie z.B. bei Organschädigungen, können sind eine Vielzahl von Auswirkungen auf andere Bereiche, als auch auf die psychosexuelle Entwicklung haben. Über diese äußerst komplexen Zusammenhänge wissen wir bisher nur wenig. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass individuelle Kompensation gefunden werden und Entwicklungsschritte auch später noch nachgeholt werden können. Auf jeden Fall sollte sexualpädagogische Arbeit/ sexualpädagogischer Umgang in der Praxis am jeweiligen Entwicklungsstand der Person ansetzen (wobei es nicht einfach ist, dies zu ermitteln).
Sexualpädagogik hat die Aufgabe, den jeweiligen Entwicklungsstand einzuschätzen, Entwicklungsschritte einzuleiten, zu begleiten und zu ermöglichen. Dafür sind Kenntnisse im Hinblick auf die Phasen der psychosexuellen Entwicklung notwendig.
Wissen und Reflektion über die verschiedenen Aspekte der leib-seelischen Entwicklung auch und gerade in der Pubertät können dazu beitragen, gelegentlich irritierendes Verhalten auch bereits körperlich erwachsener geistig behinderter Menschen besser zu verstehen.
Hier einige Anhaltspunkte dazu, welche seelischen Auseinandersetzungen auch für geistig behinderte junge Menschen anstehen und gelöst und integriert werden müssen (Genaues ist der entsprechenden Fachliteratur zu entnehmen):
Diese Punkte zeigen bereits, daß es große Unterschiede darin gibt, ob und wie diese pubertätstypischen Auseinandersetzungen auftreten, abhängig von Persönlichkeit, Schwere der Behinderung, sozialen Voraussetzungen und gebotenen Möglichkeiten.
Kennzeichnend für ein Leben als erwachsener in unserer Gesellschaft ist:
Inwieweit dies Kennzeichen für das Leben erwachsener geistig behinderte Menschen zutreffen können ist abhängig von der Schwere ihrer Behinderung und ihrer Persönlichkeit, aber ganz wesentlich auch von der Begleitung und den Möglichkeiten, die ihnen geboten werden.
Die Auseinandersetzung mit der potentiellen Möglichkeit, Leben weiterzugeben, Kinder zu zeugen bzw. zu bekommen, gehört zum Erwachsenenleben dazu. Die meisten Erwachsenen erfahren dabei gesellschaftliche "Leitlinien", aber geringe pädagogische Begleitung, Hilfestellung oder Bevormundung. Anders ergeht es Menschen mit einer geistigen Behinderung: Ehe- und/oder Kinderwunsch stoßen gewöhnlich auf strikte Ablehnung.
Der Wunsch nach einem Kind kann auch möglicherweise auch den Wunsch nach "Normalität" bedeuten, oder das eigene Kind könnte die Ablösung von den Eltern (psychisch) ermöglichen. Dies unterscheidet sich allerdings oftmals nicht sehr von den – unbewußten – Motivationen nicht behinderter Menschen, für Zeugung und Schwangerschaft. Behinderte Menschen unterscheiden sich eher in den persönlichen und sozialen Möglichkeiten, ein Kind großzuziehen. Von gesellschaftliche/ betreuerischer Seite wird zudem meist laut darüber nachgedacht, ob das zu zeugende oder zu erwartende Kind nicht ein Recht auf beste Startbedingungen, d.h. nicht behinderte Eltern hat. Dennoch zeigen neuere Überlegungen und Diskussionen, daß es für einige behinderte Menschen durchaus möglich ist, einen Partner und/oder Kinder zu haben. Über die konkrete Umsetzung, insbesondere die Begleitung muß im Einzelfall nachgedacht und mit dem behinderten Menschen entschieden werden. Gesellschaftlich drückt sich das ggf. in höheren Betreuungskosten aus.